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Offener Brief an Brigitte Zypries
Nachdem wir die Webseite im letzten Monat sehr vernachlässigt habe, haben nun die aktuellen Ereignisse zur Eile angetrieben: Die Netzzensur soll am Mittwoch im Kabinett beschlossen werden. Ich habe also beschlossen, einen offenen Brief an Brigitte Zypries zu schreiben, in dem ich die im Internet weithin bekannten Argumente gegen die Kinderporno-Sperre kurz zusammenfasse. Frau Zypries ist die Bundestagsabgeordnete meines Landkreises und hat in der Vergangenheit zumindest der Form der Sperren widersprochen. Ich hoffe, dass die ihr nach Lektüre bekannten Fakten weitergegeben werden und für eine Wende in der Diskussion um die Sperren im Bundestag führen.
Sehr geehrte Frau Zypries,
seit einiger Zeit schon folge ich der Diskussion über die Sperrung kinderpornographischer Webseiten, und habe den Eindruck, dass essentielle Informationen über die bisher existierenden Sperrlisten in den Skandinavischen Ländern im Bundestag noch nicht diskutiert wurden.
Mein Anliegen ist nun: Machen Sie sich mit den zusätzlichen Fakten vertraut, bevor Sie eine Entscheidung über die Sperrlisten treffen.
Wie Ihnen bekannt ist wird die Sperrung damit begründet, dass es bei Kinderporno-Servern in einigen Ländern unmöglich ist, diese vor Ort vom Netz zu nehmen, da die Inhalteanbieter in diesen Ländern nicht rechtlich belangbar sind. In diesen Fällen soll dann die Sperrliste greifen. Dieses vorgehen bestätigt sich anhand der bekannt gewordenen Sperrlisten aus Skandinavien nicht. Die große Mehrzahl der Kinderpornohoster von der Liste befindet sich, wie ein Blogger namens Scusi herausfand in westlichen Industrienationen. Er dokumentiert auch, wie er die Listen auswertete, sodass jedermann anhand der an die Öffentlichkeit getragenen Liste seine Auswertung nachvollziehen kann. Seine Ausführungen finden Sie hier:
http://scusiblog.org/?p=463Ein weiteres Argument, welches gern verwendet wird ist, dass es nur langsam möglich sei, die illegalen Inhalte vom Netz zu nehmen, und während die nötigen Schritte ergriffen würden sei es sinnvoll, die Seiten zu sperren, um weitere Verbreitung der Materialien zu verhindern. Ein Kinderschutzverein (CareChild) hat sich 20 Seiten von der Dänischen Sperrliste vorgenommen und es geschafft, mit den Privatleuten zugänglichen Mitteln (E-Mail an den Hoster, das ist der Dienstleister, in dessen Räumlichkeiten der Server steht, Anzeige bei den für den Standort des Servers zuständigen Polizeibehörden) innerhalb der ersten 3 Stunden 8 der 20 Seiten offline zu nehmen. Das ist schneller als es mit der momentan geplanten Sperrliste möglich wäre (da sie nur einmal pro Tag aktualisiert wird). Nach 2 Tagen waren 16 von 20 Domains deaktiviert und die verbleibenden 4 Domains enthielten so weit überprüfbar keine illegalen Inhalte. Die Dokumentation des Versuchs von CareChild finden Sie unter:
http://www.carechild.de/carechild/careblog/bundefamilienministerin_will_kinderpornos_verbreiten_548_154.html
(und in einem PDF welches am Ende des Blogeintrags verlinkt ist)Zuguterletzt wird immer wieder behauptet, die Sperre sei, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, wirksam. Ich glaube, dass sich bisher kaum jemand unter Ihren Kollegen (insbesondere nicht Frau von der Leyen) die Mühe gemacht hat, zu recherchieren, wie leicht sie eigentlich umgangen werden kann. Es sind beispielsweise unter Windows in etwa schlappe 12 Klicks notwendig, dazu das eingeben einer 12-stelligen Internetaddresse. Ich kann nicht ganz verstehen wie das einen Menschen, der bereit wäre Geld für Kinderporno auszugeben davon abhalten sollte, sich Kinderporno zu beschaffen, zumal die Anbieter der illegalen Inhalte sicher sehr schnell die Information zur Umgehung der Sperre im Netz verteilen. Falls Sie die Zeit haben, es auszuprobieren finden sie eine Anleitung für Windows XP unter:
http://www.ccc.de/censorship/dns-howto/WinXP/WinXPhow-to.htm?language=deanleitungen für andere Betriebssysteme finden Sie unter
http://www.ccc.de/censorship/dns-howto/?language=deEs werden Administratorrechte benötigt, auf seinem eigenen Heimcomputer hat die jedoch jeder inne.
Ich hoffe dass Sie diese Informationen, die in meinen Augen alle Hauptargumente für die Sperrliste als Scheinargumente für Wahlkampftauglichen Aktionismus entlarven, noch vor der Abstimmung zur Kinderpornosperre am Mittwoch erhalten. Denn zum einen befürchte ich wie Carechild, dass, wie offenbar in Dänemark geschehen, auch hierzulande Seiten nur auf die Sperrliste gesetzt werden, weiter aber nichts gegen sie unternommen wird. Den Kindern wäre damit wenig gedient. Andererseits teile ich auch die Befürchtung vieler Internetnutzer, dass eine einmal installierte Zensurinfrastruktur, deren Zensurliste nicht überprüfbar ist zum einen missbraucht werden könnte, und zum anderen schnell Nutznießer mit weniger leicht argumentierbaren Sperrwünschen nach sich zieht. Zuguterletzt scheint mir die Sperre keinesfalls der einzig gangbare weg, die bereits vorhandenen Instrumente reichen offenbar selbst für Privatleute aus, um Kinderporno zügig vom Netz zu nehmen.
Ich würde mich über eine Antwort freuen und stehe Ihnen per Mail und telefonisch gern für Rückfragen zur Verfügung. Bei Bedarf könnte ich die Umgehung der Sperrliste auch auch auf Video dokumentieren.
Mit freundlichem Gruß
Paul
Tel.: xxxxxxxxxxKopien des Schreibens gehen Ihnen aufgrund der Dringlichkeit angesichts der kurzen Frist bis zur entsprechenden Sitzung per Webformular, E-Mail und Fax zu.
Der Inhalt dieses Schreibens wird von mir auch als offener Brief im Internet veröffentlicht.
Update: 24.03.2009, 18:29:
Noch immer keine Antwort, langsam befürchte ich, dass noch keiner es gelesen hat.
